Labor Dr. Tiran
JOURNAL
STI - oft ohne Symptome, aber nicht ohne Risiko
Let’s talk about s3x – Sexualität, Schutz, Screening
Sexualität hat viele Facetten – ob hetero oder queer, monogam, mit wechselnden Partnerschaften, polyamor und von „vanilla“ über „spicy“ bis hin zu experimentell kinky.
Egal mit welchen Geschlechtern sie Sex haben oder wie oft Sie Ihre Partner:innen wechseln, bleibt eines konstant: Der Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI) ist zentral für Ihre Gesundheit!
Chlamydien, Syphilis, Gonorrhoe, HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten können jede:n (be) treffen – unabhängig von Lebensstil, Identität oder Beziehungskonstellation. Bewusster Safer Sex, regelmäßige vorsorgliche Testungen und eine frühzeitige medizinische Abklärung bei Beschwerden sind daher ein wesentlicher Bestandteil sexueller Verantwortung und Gesundheit.
Aktuelle Daten veranschaulichen den dringenden Handlungsbedarf: Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden weltweit täglich über 1 Million neue Infektionen mit heilbaren STI wie Chlamydien, Gonorrhoe, Syphilis und Trichomonaden verzeichnet. In Europa erlebt Syphilis einen massiven Wiederanstieg, die Fallzahlen haben sich in gut einem Jahrzehnt nahezu verdoppelt. Auch HIV-Neudiagnosen bleiben auf hohem Niveau, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, wo die Region den stärksten Beitrag zum Zuwachs an Fällen leistet. Alarmierend ist auch der europaweite Anstieg an Chlamydien und Gonorrhoe („Tripper“) sowie das Auftreten von Infektionen, die zuvor nicht mit primär sexueller Übertragung in Verbindung gebracht wurden (z. B. Hepatitis B/C).
Österreich liegt ebenfalls in diesem bedenklichen Trend und fällt besonders durch hohe Fallzahlen bei Gonorrhoe- und Chlamydien-Infektionen auf.

Was sind STI und STD?
Sexuell übertragbare Erkrankungen („Sexually Transmitted Disease“, STD) sind Krankheiten mit spezifischen Symptomen, denen eine sexuell übertragbare Infektion (STI) vorausgeht. Diese werden hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen, können durch unterschiedliche Erreger wie Viren, Bakterien und Parasiten verursacht werden und verlaufen oft unbemerkt.
Zu den möglichen und häufigsten Symptomen von sexuell übertragbaren Erkrankungen bei Frauen und Männern gehören Schmerzen oder ein brennendes Gefühl beim Wasserlassen sowie ein veränderter, ungewöhnlicher, unangenehm riechender Ausfluss aus der Scheide bzw. der Harnröhre des Penis. Häufig treten zudem Juckreiz, Rötungen, Ausschläge oder Hautveränderungen wie schmerzhafte Bläschen, Warzen und Geschwüre im gesamten Genital-, Anal- oder Mundbereich auf. Während Frauen darüber hinaus oft unter Unterleibsbeschwerden, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder unerwarteten Zwischenblutungen leiden, äußern sich STD bei Männern spezifischer durch Druck- oder Hodenschmerzen sowie Schwellungen.
Unbehandelte STI, insbesondere Chlamydien und Gonorrhoe, können die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern erheblich beeinträchtigen. Bei Frauen steigen die Erreger häufig unbemerkt in den oberen Genitaltrakt auf und verursachen eine Beckenentzündung (PID), die zu Verklebungen und Vernarbungen der Eileiter führt und damit das Risiko für Eileiterschwangerschaften sowie dauerhafte Sterilität erhöht. Bei Männern können diese Infektionen schmerzhafte Entzündungen der Nebenhoden und der Prostata auslösen, die die Spermienqualität deutlich mindern oder die Samenleiter dauerhaft verengen bzw. verschließen.
Da viele STI zunächst symptomarm verlaufen, werden die daraus resultierenden Fertilitätsschäden leider häufig erst im Rahmen eines unerfüllten Kinderwunsches erkannt.
Eine bewusste und regelmäßige Vorsorge kann das Risiko einer solchen schwerwiegenden und potenziell lebensbeeinflussenden Beeinträchtigung deutlich senken.
Die häufigsten sexuell übertragenen STI
Aktuell sind etwa 30 verschiedene STI-Erreger bekannt. Diese reichen von Bakterien, wie den Gonokokken (Gonorrhoe) und Chlamydien, über HIV-, Hepatitis- oder Herpes-Viren bis hin zu Parasiten, wie z. B. Trichomonaden. Eine bunte Mischung, die eines gemeinsam hat: sie werden meist durch ungeschützten Vaginal-, Anal- oder Oralverkehr übertragen. Einige von ihnen, wie z.B. Syphilis, HPV oder Herpes können sich auch bereits über intensiven Schleimhaut- oder Hautkontakt (Küssen, Petting, gemeinsam benutztes Sexspielzeug) verbreiten.
Wir leben in einer Zeit ausgeprägter sexueller Offenheit und nie zuvor dagewesener digitaler Vernetzung, in der nicht zuletzt Dating-Apps wie Tinder & Co den Zugang zu sexuellen Kontakten erheblich erleichtern – umso paradoxer ist es, dass zugleich erhebliche Wissenslücken und nach wie vor eine schambehaftete Stigmatisierung zu sexuell übertragbaren Infektionen und Erkrankungen bestehen.
Eine repräsentative deutsche Studie der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) aus dem Jahr 2023 unter sexuell aktiven 16- bis 44-Jährigen zeigt besorgniserregend, wie uninformiert und weitgehend frei von Risikobewusstsein Sexualität gelebt wird:
Zwar wird HIV/AIDS von gut der Hälfte der Befragten spontan als STI genannt, doch Chlamydien (rund 10 %) und HPV (unter 10 %) bleiben weitgehend unbekannt, obwohl sie zu den häufigsten Infektionen zählen.
Besonders deutlich wird das fehlende Risikobewusstsein beim konkreten Schutzverhalten: Unter sexuell aktiven jungen Menschen ohne feste Partnerschaft verwendete laut Befragung nur rund ein Drittel beim letzten Geschlechtsverkehr ein Kondom, während die Mehrheit keinerlei Maßnahmen zum Schutz vor STI ergriff (!).
Um eigene Risiken besser einschätzen und gezielt Vorsorge treffen zu können, finden sie im Folgenden eine verständliche Informationsübersicht zu den wichtigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI), deren Diagnostik sowie den verfügbaren Schutz- und Behandlungsmöglichkeiten.
Die häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen im Detail:
Chlamydien
Die Chlamydien-Infektion (Chlamydia trachomonatis) ist die weltweit häufigste bakterielle sexuell übertragbare Infektionskrankheit und betrifft vor allem junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Der Verlauf ist meist asymptomatisch (unbemerkt). Bei genitalen Chlamydien-Infektionen kann es bei Frauen zu Komplikationen wie chronischen Unterleibsschmerzen („Pelvic Inflammatory Disease“, PID) und Infertilität kommen. Bei Männern äußert sich die Infektion oft durch Brennen beim Wasserlassen, sowie Ausfluss und kann unbehandelt durch aufsteigende Entzündungen der Nebenhoden ebenfalls zu Unfruchtbarkeit führen.
Übertragung
- Ungeschützter vaginaler, analer und oraler Sex
- Kontakt von Sperma oder Vaginalsekret mit Schleimhäuten (Genitalbereich, Enddarm, Rachen)
- Übertragung auf das Neugeborene während der vaginalen Geburt einer infizierten Mutter

Symptome
- Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen
- Ungewöhnlicher Ausfluss aus Scheide
- Ungewöhnlicher Ausfluss beim Mann aus Harnröhre, Juckreiz und Kribbeln am Penisschaft
- Unterbauchschmerzen und Zwischenblutungen bei Frauen
- Entzündungen der Harnröhre oder des Enddarms
Mögliche Langzeitfolgen
Unbehandelte Chlamydien können zu Verklebungen der Eileiter und Fertilitätsstörungen führen und das Risiko für Eileiterschwangerschaften sowie chronische Unterleibsentzündungen (PID) erhöhen. Durch die Übertragung während der vaginalen Geburt kann eine Bindehautentzündung (Ophthalmia neonatorum) und eine Chlamydien-Lungenentzündung beim Neugeborenen ausgelöst werden.
Eine unbehandelte Infektion kann auch zu Unfruchtbarkeit bei Männern führen.
Therapie und Prävention
- Behandlung mit Antibiotika
- Mitbehandlung aktueller Sexualpartner:innen zur Vermeidung von Reinfektionen
- Konsequente Verwendung von Kondomen oder Femidomen reduziert das Risiko deutlich
- Regelmäßige Tests sind empfohlen, insbesondere bei wechselnden Partnern, MSM und jüngeren sexuell aktiven Personen
Diagnostisches Fenster
Ein sicherer Ausschluss der Infektion ist nach 2 – 3 Wochen nach dem Risikokontakt möglich.
Gonorrhoe ("Tripper")
Gonorrhoe (Neisseria gonorrhoeae) ist eine bakterielle STI, die vor allem die Schleimhäute von Harnröhre, Gebärmutterhals, Enddarm und Rachen befällt. Die Erkrankung ist weltweit verbreitet; in vielen Regionen steigen die Fallzahlen rapide (auch in Österreich), und es treten zunehmend antibiotikaresistente Erregerstämme auf.
Übertragung
- Ungeschützter vaginaler, analer und oraler Sex
- Kontakt mit infiziertem Genital-, Rektal- oder Rachensekret
- Übertragung auf das Neugeborene bei der Geburt einer infizierten Mutter
Symptome
- Männer: eitriger oder schleimig-eitriger Ausfluss aus der Harnröhre, starkes Brennen beim Wasserlassen, Schmerzen im Genitalbereich
- Frauen: Ausfluss, Dysurie, Unterbauchschmerzen, Zwischen- oder Kontaktblutungen
- Rektale Infektion: Schmerzen, Ausfluss, Blutungen
- Rachengonorrhoe: Halsschmerzen oder völlig symptomlos
Mögliche Langzeitfolgen
Unbehandelt kann Gonorrhoe bei Frauen zu Entzündungen von Gebärmutter und Eileitern, chron. Unterbauchschmerzen („Pelvic Inflammatory Disease“, PID) führen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen; bei Männern können Nebenhoden- und Prostataentzündungen auftreten.
Auch Gonorrhoe kann im Rahmen einer urogenitalen Infektion der Mutter während der vaginalen Geburt perinatal auf das Neugeborene übertragen werden, mit dem Risiko einer bakteriellen Bindehautentzündung (Ophthalmia neonatorum).
Durch die entzündlich geschwächten Schleimhäute bei Gonorrhoe wird die Schutzfunktion gegenüber HIV reduziert, was das Risiko einer zusätzlichen HIV-Infektion erheblich erhöht.
Therapie und Prävention
- Therapie mit modernen Antibiotika
- Testung und Mitbehandlung von Partner:innen
Wichtig: Alle Sexualpartner:innen der letzten 60 Tage sollten mitbehandelt oder zumindest empirisch antibiotisch versorgt werden, um Reinfektionen zu vermeiden. Nach der Therapie wird eine Kontrolluntersuchung (Test-of-cure) empfohlen, insbesondere bei komplizierten Verläufen, pharyngealer Infektion oder vermuteter Resistenz. Diese erfolgt typischerweise frühestens 1–2 Wochen nach Therapieende.
Kondome und Femidome reduzieren das Risiko deutlich, auch beim Oral- und Analverkehr.
Diagnostisches Fenster
Ein sicherer Ausschluss der Infektion ist nach 2 – 3 Wochen nach dem Risikokontakt möglich.
Syphilis (LUES)
Bei Syphilis (Treponema pallidum) handelt es sich um eine systemische (den ganzen Organismus betreffende) Infektion, welche nach Ansteckung über einen längeren Zeitraum, keine bis geringe Beschwerden verursacht. Sie verläuft chronisch mit mehreren Stadien (primär, sekundär, latent, tertiär).
Laut Robert Koch Institut (RKI) sanken in den 1980/90er Jahren die Syphilis-Zahlen stark durch die intensiven Safer-Sex-Kampagnen infolge der HIV-Epidemie. Seit den 2000er Jahren steigen die Infektionen wieder kontinuierlich an und verzeichnen heute wieder sehr hohe Fallzahlen, was auf eine nachlassende Angst vor Geschlechtskrankheiten, verändertes Sexual- und Dating-Verhalten sowie den vermehrten Einsatz von Antibiotika und Präventionsmethoden bei HIV zurückzuführen ist. Der weit überwiegende Anteil von Infektionen wird bei Männern diagnostiziert (>90%), vor allem bei MSM.
Wussten Sie: Syphilis hat eine lange und eindrückliche Geschichte; nur wenige Infektionskrankheiten haben Kultur und Medizin so nachhaltig geprägt. Sie trat im späten 15. Jahrhundert im Zuge der Italienkriege erstmals als neue, schwer verlaufende Seuche in Europa auf und verbreitete sich über Heere und sexuelle Kontakte rasch weiter. Ihre Ursprünge sind bis heute umstritten, unter anderem diskutiert die „kolumbianische Hypothese“, dass Kolumbus’ Schiffsmannschaft den Erreger aus Amerika nach Europa einschleppte. Als schwere, häufig tödliche und mit Sexualität tabuisierte „Liebesseuche“ beeinflusste Syphilis Biografien zahlreicher historischer Persönlichkeiten und löste im 16. und 17. Jahrhundert die ersten gesundheitspolitischen Maßnahmen und frühe Formen öffentlicher Aufklärung über sexuelle Risiken aus. Erst mit der Einführung von Penicillin im 20. Jahrhundert wurde Syphilis von einer gefürchteten und lebensbedrohlichen Erkrankung zu einer heute gut behandelbaren, meist heilbaren Infektion – vorausgesetzt, sie wird rechtzeitig erkannt!
Übertragung
- Ungeschützter vaginaler, analer und oraler Sex bei Kontakt mit syphilitischen Geschwüren oder Schleimhautveränderungen
- Eintritt der Erreger über kleinste Haut- oder Schleimhautverletzungen
- Syphilis-Erreger können die Plazenta passieren und während der Schwangerschaft oder bei der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen werden.
Symptome (Stadien)
- Primärstadium: schmerzloses, derbes Geschwür („harter Schanker“) an Penis, Vulva, Anus oder Mund, mit regionaler Lymphknotenschwellung
- Sekundärstadium: Hautausschläge, Schleimhautveränderungen, Fieber, Abgeschlagenheit, generalisierte Lymphknotenschwellung
- Spätstadien: Befall von Herz-Kreislauf-System und Nervensystem (Neurosyphilis), schwerwiegende Organmanifestationen
Die Stadien sind durch längere symptomfreie Perioden voneinander getrennt (latente Stadien). Im Stadium III besteht trotz schwerwiegender Krankheitserscheinungen keine Infektiosität mehr.
Mögliche Langzeitfolgen
Unbehandelte Syphilis kann zu schweren dauerhaften Schäden an Gehirn, Nerven, Herz und Gefäßen führen.
Syphilis ist mit einem erhöhten Risiko für spontane Aborte, Frühgeburten, Totgeburten und früher Säuglingssterblichkeit verbunden. Laut Berichten des Robert Koch Instituts kann es bei einer unbehandelten Syphilis hierzu bei etwa 30-40% der Fälle zu solchen schwerwiegenden Folgen kommen.
Therapie und Prävention
- Standardtherapie: Penicillin-Injektionen, angepasst an das Stadium der Erkrankung
- Regelmäßige Blutkontrollen zur Überprüfung des Therapieerfolgs
- Kondome senken das Risiko, bieten aber keinen vollständigen Schutz, da Läsionen auch außerhalb des kondomgeschützten Bereichs liegen können
- Syphilis gehört in alle umfassenden STI-Screenings, insbesondere bei MSM und HIV-positiven Personen
Diagnostisches Fenster
Syphilis-Antikörper werden meist 4-6 Wochen nach der Infektion nachweisbar, ein sicherer Ausschluss ist oft erst nach 8-10 Wochen möglich.
HIV

HIV (Humanes Immundefizienz Virus) ist ein Retrovirus, das unbehandelt zu einer schweren Immunschwäche und zum Krankheitsbild AIDS (“Acquired Immune Deficiency Syndrome“) führt. HIV wird sexuell und parenteral übertragen und zählt zu den weltweit wichtigsten Infektionskrankheiten.
Vor rund 40 Jahren galt eine HIV-Diagnose noch fast ausschließlich als Todesurteil, heute lässt sich das Virus dank moderner antiretroviraler Therapien (ART) so gut kontrollieren, dass HIV in den meisten Fällen als chronische, behandelbare Erkrankung gilt und Betroffene bei stabiler Behandlung eine nahezu normale Lebenserwartung haben. Die intensive globale Aufklärung der 1980er- und 1990er-Jahre zu Wissen und Stigmatisierung von HIV hat die damalige Zeit geprägt.
Heute bedeutet eine wirksame Therapie, dass die Viruslast dauerhaft unter die Nachweisgrenze gesenkt werden kann; ist dies seit mindestens sechs Monaten der Fall und werden die Medikamente zuverlässig eingenommen, gilt „U=U“ – „undetectable = untransmittable“ – also: HIV kann beim Sex nicht mehr übertragen werden.
Wichtig ist aber: Der Erreger bleibt lebenslang im Körper und wird bei Therapieunterbrechung wieder aktiv. Trotz intensiver Forschung gibt es bislang weder ein Heilmittel noch eine schützende Impfung, vor allem wegen der hohen genetischen Variabilität und Wandlungsfähigkeit des Virus.
Zusätzlich zur Therapie stehen heute sogenannte PrEP (Präexpositionsprophylaxe) und PEP (Postexpositionsprophylaxe) zur Verfügung, die sehr effektiv vor einer HIV-Infektion schützen können. Die Schattenseite dieses Fortschrittes ist jedoch das Verleiten zu einem sorglosen Verzicht auf Kondome und somit der ungeschützten Übertragung von anderen STI!

Übertragung
- Ungeschützter vaginaler und analer Sex mit HIV-positiven Personen, insbesondere ohne wirksame Therapie
- Oraler Sex mit Blutkontakt (z.B. bei verletzter Schleimhaut oder stark entzündetem Zahnfleisch) ist theoretisch möglich, das Risiko ist jedoch deutlich geringer als beim vaginalen oder analen Geschlechtsverkehr
- Gemeinsame Nutzung von Spritzen oder Nadeln, ungesicherte Blutprodukte
- Übertragung während Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit ohne Schutzmaßnahmen
- Kein Übertragungsrisiko besteht bei alltäglichen Kontakten (z.B. Küssen, Händeschütteln, Umarmen, Anniesen).
Symptome
- Akute HIV-Infektion: grippeähnliche Symptome, Fieber, Hautausschlag, Lymphknotenschwellungen
- Längere symptomarme Phase (Latenzphase) mit langsamer Abnahme der Immunabwehr
- Spätere Stadien: opportunistische Infektionen, Tumore, ausgeprägte Zeichen einer Immundefizienz
Mögliche Langzeitfolgen
AIDS („Acquired Immune Deficiency Syndrome“) bezeichnet das Krankheitsbild, welches in Folge einer fortgeschrittenen, unbehandelten HIV-Infektion auftreten kann. Durch Zerstörung des körpereigenen Immunsystems kommt es zum Auftreten so genannter AIDS-definierender Erkrankungen. Zu diesen zählen beispielsweise bestimmte Lungenentzündungen, das Wasting-Syndrom (Auszerrungssyndrom) oder aktive Tuberkulose.
HIV erhöht die Anfälligkeit für andere STI, während umgekehrt STI mit Schleimhautschädigung (z.B. Syphilis, Gonorrhoe) die HIV-Übertragung erleichtern.
Eine HIV-Übertragung auf ein Neugeborenes kann während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder durch das Stillen erfolgen.
Therapie und Prävention
- Lebenslange antiretrovirale Kombinationstherapie (ART) stabilisiert die Immunfunktion und kann die Viruslast auf ein nicht übertragbares Niveau senken
- Kondome und Femidome schützen vor sexueller HIV-Übertragung
- Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) und Post-Expositionsprophylaxe (PEP) bieten zusätzlichen Schutz für Menschen mit hohem Risiko
- Regelmäßige HIV-Tests sind besonders wichtig für MSM, Menschen mit vielen Partnern, Personen mit intravenösen Drogenkonsum und Personen mit anderen STI
- Mit frühzeitiger, wirksamer Therapie und engmaschiger Betreuung kann die Übertragung auf das Kind während Schwangerschaft und Geburt heute auf unter 1 % gesenkt werden
Diagnostisches Fenster
Eine HIV-Infektion ist 2-3 Wochen nach dem Risikokontakt nachweisbar, in Einzelfällen erst nach 6-8 Wochen.
HBV - Hepatitis B
Hepatitis B (HBV) ist eine virale Leberentzündung, die akut verlaufen oder chronisch werden kann und in schweren Fällen zu Leberzirrhose und Leberkrebs führt. HBV wird neben Blut auch sexuell übertragen und zählt zu den wichtigsten sexuell übertragbaren Viruserkrankungen.
Übertragung
- Ungeschützter vaginaler, analer und oraler Sex
- Blutkontakt
- Gemeinsame Nutzung von Spritzen und Nadeln, unsichere medizinische oder kosmetische Eingriffe
- Übertragung von der Mutter auf das Kind rund um die Geburt
Symptome
- Akut: Müdigkeit, Übelkeit, Oberbauchschmerzen, dunkler Urin, heller Stuhl, Gelbsucht: Gelbfärbung von Haut und Augen
- Häufig symptomarm oder unbemerkt
- Chronisch: lange Zeit ohne Beschwerden, später Zeichen einer Lebererkrankung
Mögliche Langzeitfolgen
Chronische Hepatitis B kann zu Leberzirrhose und Leberzellkarzinom führen und ist weltweit eine der häufigsten Ursachen für schwere chronische Lebererkrankungen.
Hepatitis B wird insbesondere von der Mutter auf das Kind bei der Geburt übertragen; Ein HbSAg‑Test ist fester Bestandteil der Schwangerenvorsorge und im österreichischen Eltern-Kind-Pass im zweiten Schwangerschaftsdrittel vorgeschrieben.
Therapie und Prävention
- Akute Hepatitis: überwiegend symptomorientierte Behandlung
- Chronische Hepatitis B: antivirale Langzeittherapie zur Senkung der Viruslast und Begrenzung von Leberschäden
- Sichere Schutzimpfung gegen Hepatitis B
- Kondome reduzieren die sexuelle Übertragung, ersetzen die Impfung aber nicht
- HBV-Tests sind fester Bestandteil vieler STI-Panels
Diagnostisches Fenster
Die untersuchten Parameter (HbSAg, HbSAk, HbCAk) sind üblicherweise in 4–10 Wochen nach einer Infektion nachweisbar.
HCV - Hepatitis C
Hepatitis C (HCV) ist eine virale Leberentzündung, die häufig chronisch wird und zu Leberzirrhose und Leberkrebs führen kann. Im Gegensatz zu HBV erfolgt die Übertragung überwiegend über Blut; eine sexuelle Übertragung ist möglich, aber weniger effizient und vor allem bei bestimmten Praktiken und Koinfektionen relevant.
Übertragung
- Vorwiegend gemeinsamer Gebrauch von Spritzen/Nadeln beim intravenösen Drogenkonsum
- Blutkontakt, Bluttransfusionen früherer Jahre
- Sexuelle Übertragung vor allem bei analem oder traumatischem Sex mit Blutkontakt sowie bei HIV-Koinfektion oder hoher Partnerzahl
- Gelegentliche Mutter-Kind-Übertragung
Symptome
- Akute Infektion oft symptomarm oder mit unspezifischen Beschwerden; gelegentlich Fieber, Müdigkeit, leichtes Krankheitsgefühl, Leberentzündung mit Gelbsucht
- Chronische Infektion bleibt lange unauffällig, bis Zeichen einer fortgeschrittenen Lebererkrankung auftreten

Mögliche Langzeitfolgen
Chronische Hepatitis C kann zu Leberfibrose und Leberzirrhose führen und erhöht das Risiko für Leberkrebs.
Therapie und Prävention
- Moderne direkt antiviral wirkende Medikamente (DAA) können chronische HCV-Infektionen in den meisten Fällen innerhalb von 8–12 Wochen heilen
- Konsequente Vermeidung von Blutkontakt (keine gemeinsam genutzten Nadeln)
- Kondome senken das sexuelle Risiko, insbesondere bei Praktiken mit möglichem Blutkontakt
- HCV-Tests werden häufig zusammen mit HIV, HBV und Syphilis angeboten
Diagnostisches Fenster
Anti‑HCV‑Antikörper sind nach 6–8 Wochen nachweisbar, in Einzelfällen erst nach 3–6 Monaten.
Trichomonaden
Trichomonaden sind einzellige Parasiten und zählen zu den häufigsten Ursachen für infektiöse Vaginitis. Viele Infektionen verlaufen insbesondere bei Männern symptomarm, wodurch der Erreger unbemerkt weitergegeben werden kann.
Übertragung
- Vor allem ungeschützter vaginaler Verkehr
- Direkter Schleimhautkontakt im Genitalbereich
Symptome
- Frauen: übelriechender, oft schaumiger gelb-grünlicher Ausfluss, Juckreiz, Brennen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Wasserlassen
- Männer: leichter Ausfluss aus der Harnröhre, Brennen beim Wasserlassen, gelegentlich Beschwerden im Dammbereich
- Möglich sind auch Entzündungen von Harnröhre und Enddarm, abhängig von der Sexualpraxis
Mögliche Langzeitfolgen
Unbehandelte Infektionen können zu chronischer Vaginitis, Zervizitis und – in Kombination mit anderen Erregern – zu Entzündungen des kleinen Beckens beitragen. Bei Schwangeren bestehen Zusammenhänge mit Frühgeburtlichkeit und niedrigem Geburtsgewicht; zudem kann Trichomoniasis die Anfälligkeit für HIV erhöhen.
Therapie und Prävention
- Behandlung mit Antiparasitika
- Mitbehandlung aller Sexualpartner:innen
- Kondome/Femidome senken das Übertragungsrisiko deutlich
Diagnostisches Fenster
Eine Infektion ist frühestens 1 bis 2 Wochen nach dem Risikokontakt nachweisbar.
HPV, HSV und MYCOPLASMEN ZÄHLEN MIT ZU DEN HÄUFIGSTEN STI
– warum sind sie nicht standardisiert im Laborprofil enthalten?
HPV
Das Humane Papillomavirus gehört weltweit zu den häufigsten sexuell übertragenen Virusinfektionen; fast alle sexuell aktiven Menschen kommen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal damit in Kontakt. Es gibt viele unterschiedliche HPV-Typen: Die meisten verursachen keine Beschwerden und heilen von selbst wieder ab, einige bestimmte Hochrisiko-Typen können jedoch zu Krebserkrankungen im Anogenitalbereich (z.B. Gebärmutterhals, Anus, Penis) und im Kopf-Hals-Bereich (z.B. Mund- und Rachenraum) beitragen.
Für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs sind Bluttests ungeeignet, weil Antikörper im Blut das individuelle Risiko am Gebärmutterhals nicht zuverlässig widerspiegeln. Deshalb erfolgt die HPV-Testung nach Standard über einen Abstrich vom Gebärmutterhals oder aus der Vagina, wo sich die betroffenen Zellen befinden.
In Österreich erfolgt eine Testung meist im Rahmen der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung mittels PAP-Abstrich; der HPV-Test kann aus demselben Gebärmutterhalsabstrich gemacht werden, ist jedoch ohne dringenden Verdacht häufig als Privatleistung geführt. Die Österreichische Gesundheitskasse hebt die Schutzimpfung für HPV als zentrale präventive Maßnahme hervor (siehe folgend unter Prävention).
Übertragung
- Direkter Haut- und Schleimhautkontakt im Genitalbereich
- Orale oder anale Sexualpraktiken mit Kontakt zu infizierten Schleimhäuten
Symptome und mögliche Langzeitfolgen
- Häufig keinerlei Beschwerden
- Feigwarzen (Condylomata acuminata) im Genital- oder Analbereich durch bestimmte Niedrigrisiko-Typen
- Hochrisiko-HPV-Typen sind mit Gebärmutterhals-, Anal- und Rachenkrebs sowie Penis-, Vulva- und Vaginalkarzinomen verbunden
Prävention
- Kondome senken das Infektionsrisiko, bieten aber keinen vollständigen Schutz, da HPV auch über nicht bedeckte Haut übertragen wird.
- eine HPV-Impfung für Mädchen und Jungen reduziert das Risiko für Feigwarzen und HPV-assoziierte Krebserkrankungen deutlich. Im Rahmen des österreichischen Kinder-Impfprogramms ist die HPV-Impfung kostenfrei für Personen vom 9. bis zum 21. Geburtstag. (Stand 08.2026)
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HSV
Herpes genitalis wird überwiegend durch das Herpes-simplex-VirusTyp 2 verursacht, seltener durch Typ 1. Nach der ersten Ansteckung verbleibt das Virus lebenslang im Körper und kann im weiteren Verlauf wiederkehrende Ausbrüche mit entsprechenden Beschwerden auslösen.
HSV ist in offiziellen Empfehlungen nicht als fester Bestandteil eines routinemäßigen STI-Screenings vorgesehen. Die Abklärung erfolgt in der Regel durch eine gezielte Testung (Abstrich/PCR aus Bläschen) bei typischen Symptomen oder einem konkreten klinischen Verdacht, da serologische Bluttests bei Beschwerdefreien häufig wenig Konsequenzen für das Management haben.
Übertragung
- Direkter Haut- und Schleimhautkontakt mit infektiösen Arealen, auch ohne sichtbare Bläschen
- Oraler Sex, insbesondere bei bestehendem Lippenherpes
Symptome
- Schmerzhafte Bläschen und Ulzera im Genital- oder Analbereich
- Juckreiz, Brennen, gelegentlich Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl
Mögliche Langzeitfolgen
- Rezidivierende Ausbrüche, ausgelöst z.B. durch Stress, andere Infektionen oder Immunschwäche
- Erhöhte Anfälligkeit für andere STIs, da die geschädigte Schleimhaut als Eintrittspforte dient
- Bei aktiver Infektion zum Geburtszeitpunkt drohen schwere, teils lebensbedrohliche Herpesinfektionen des Neugeborenen
Prävention
- Kondome reduzieren das Risiko, schützen aber nicht vor allen Übertragungen, da Läsionen auch außerhalb des Kondombereichs auftreten können
- Bei bekannten Infektionen ist Safer Sex mit Vermeidung von Sexualkontakt während aktiver Ausbrüche besonders wichtig
Mycoplasmen
Mycoplasmen (v. a. Mycoplasma genitalium) sind sehr kleine Bakterien ohne Zellwand; als STI spielt vor allem Mycoplasma genitalium eine Rolle. Der Erreger ist assoziiert mit nicht-gonorrhoischer Harnröhrenentzündungen bei Männern sowie Zervizitis und Beckenentzündungen bei Frauen.
Ein routinemäßiges Screening auf urogenitale Mycoplasmen bei klinisch beschwerdefreien Patientinnen und Patienten ist nicht indiziert, da es sich häufig um eine asymptomatische Kolonisation ohne Behandlungsnotwendigkeit handelt. Bei urogenitalen Beschwerden sollte eine Abklärung durch eine Fachärztin/einen Facharzt für Gynäkologie oder Urologie erfolgen; die diagnostische Testung kann hierbei bei entsprechender medizinischer Indikation über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden.
Übertragung
- Ungeschützter vaginaler, analer und – seltener – oraler Geschlechtsverkehr
- Kontakt von Sperma oder Vaginalsekret mit Schleimhäuten
Symptome
- Männer: Brennen beim Wasserlassen, schleimiger Ausfluss aus der Harnröhre, Druckgefühl im Dammbereich
- Frauen: ungewöhnlicher Ausfluss, Zwischen- oder Kontaktblutungen, Unterbauchschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
- Rektale oder pharyngeale Infektionen, insbesondere bei MSM
Mögliche Langzeitfolgen
Unbehandelte Mykoplasmen können zu chronischer Urethritis, Zervizitis und Entzündungen des kleinen Beckens mit Eileiterschäden und Fertilitätsproblemen führen. Bei Männern sind Prostatitis und Beeinträchtigungen der Samenqualität beschrieben. Problematisch ist zudem die ausgeprägte Antibiotikaresistenz vieler Stämme.
Therapie und Prävention
- Antibakterielle Therapie, angepasst an die lokale Resistenzlage
- Partnerdiagnostik und -behandlung sowie Therapiekontrollen (Test-of-cure nach einiger Zeit) sind besonders wichtig
- Kondome/Femidome reduzieren das Risiko, insbesondere bei wechselnden Partnern und MSM
Allgemeine Prävention: Wie lassen sich STIs vermeiden?
Die wirksamste Vermeidung und Prophylaxe von sexuell übertragbaren Infektionen umfasst konsequenten Safer Sex mit Barriere-Methoden, gezielte Impfungen sowie regelmäßige Tests und medizinische Vorsorge.
WANN UND WIE OFT SOLLTE MAN SICH TESTEN LASSEN?
- Einmal jährlich empfohlen: Für alle sexuell aktiven Menschen als Basis‑Check.
- Alle 3–6 Monate: Bei häufig wechselnden Sexualpartnern oder in anderen Hochrisikosituationen sinnvoll.
- Nach ungeschütztem Sex: Besonders bei neuen oder unbekannten Partnern ist, unter Berücksichtigung diagnostischer Fenster, eine zeitnahe Testung sinnvoll.
- Vor und während der Schwangerschaft: Screenings zum Schutz von Mutter und Kind sind dringend empfohlen, um mögliche Folgeschäden für das Kind zu verhindern.
FAZIT
Sexuell übertragbare Infektionen (STIs) sind keine Randerscheinung einzelner „Risikogruppen“, sondern ein zentraler Bestandteil sexueller Gesundheit, der alle Menschen (be)treffen kann – unabhängig von Identität, Beziehungsform und bevorzugten Praktiken. Moderne STIs reichen von bakteriellen Erregern wie Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis über Viren wie HIV, Hepatitis B/C und HPV bis hin zu Parasiten und Mycoplasmen; viele Infektionen verlaufen zunächst symptomarm und werden deshalb unbemerkt weitergegeben. Gleichzeitig stehen heute hocheffektive Schutz‑ und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung: Barriere‑Methoden wie Kondome, Femidome und Lecktücher (dental dams), gezielte Impfungen (insbesondere gegen HPV und Hepatitis B), regelmäßige, risikoadaptierte Testungen und frühzeitige medizinische Abklärung von Beschwerden können die individuelle Gesundheit schützen und Weiterübertragungen verhindern. Entscheidend ist weniger, wie jemand Sex lebt, sondern wie gut informierte Entscheidungen getroffen werden: Wer Safer‑Sex‑Strategien in den eigenen Alltag integriert, Beschwerden ernst nimmt, Verantwortung gegenüber Partner:innen übernimmt und die vorhandenen Präventions‑ und Therapieangebote nutzt, reduziert nicht nur das eigene Risiko deutlich, sondern leistet auch einen aktiven Beitrag zur öffentlichen Gesundheit.
Quellen
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