Labor Dr. Tiran
JOURNAL
Immunsystem in der kalten Jahreszeit
Stark durch den Winter
Wenn die Tage kürzer werden, Sonnenlicht rar, die Temperaturen frostig und gefühlt jeder ringsum hustet und niest, ist sie wieder da: die besonders herausfordernde Zeit für unser Immunsystem. Viren und Bakterien haben Hochsaison, unterstützt durch einige spezifische physiologische Faktoren, die unserer Immunabwehr zusetzen.
Liegt es tatsächlich an der Kälte? Welche physiologischen Faktoren spielen eine tragende Rolle?
Trockenes Raumklima
Im Herbst und Winter verlagert sich unser Alltag verstärkt in geschlossene, beheizte und schlecht belüftete Innenräume. Aufgrund des beschränkten Luftvolumens ist die Wahrscheinlichkeit einer Anreicherung infektiöser Partikel in der Luft generell höher als im Freien. Die zusätzliche Kombination mit einer hohen Personendichte auf engem Raum erhöht das Infektionsrisiko von Atemwegserkrankungen frappierend.
Von Niesen, Husten und Sprechen freigesetzte Aerosole tragen Krankheitserreger mit sich, die über die Luft transportiert werden und sich dadurch ausbreiten.
Trägerpartikel in der Luft können medizinisch konkreter in zwei Kategorien unterteilt werden: Tröpfchen (Tröpfcheninfektion) und winzige Aerosolpartikel.
Charakteristisch für Tröpfchen ist, dass sie im Vergleich zu Aerosolpartikeln relativ groß und schwer sind. Die Ansteckung des Empfängers erfolgt, wenn dieser die infektiösen Tröpfchen einatmet oder diese auf seine Schleimhäute (Augen, Nase, Mund) gelangen. Aufgrund der Schwerkraft sinken sie jedoch relativ rasch zu Boden und können nur kurze Distanzen in der unmittelbaren Umgebung der infizierten Person zurücklegen. Dies unterscheidet sie grundlegend von den viel kleineren, auch lungengängigen Aerosolen, die eindeutig längere Zeit in der Luft zirkulieren und auch größere Distanzen überbrücken können.
Das Raumklima stellt hier einen wesentlich Faktor für das Übertragungsrisiko dar. Eine zu geringe Luftfeuchtigkeit begünstigt die Verdampfung von infektiösen Tröpfchen in der Luft zu kleinen und leichter übertragbaren Aerosolen. Ausgetrocknete Tröpfchenkerne weisen zwar eine geringere Virenlast auf, sind jedoch in diesem Zustand vor Inaktivierung geschützt und können bei Kontakt mit der feuchten menschlichen Schleimhaut rehydriert werden. Bei einer mittleren relativen Luftfeuchtigkeit zwischen 40 bis 60% kann das Übertragungsrisiko merklich verringert werden, da die schweren Tröpfchen rasch zu Boden sinken und nicht in der Luft eintrocknen.
Zudem ist ein optimales Raumklima auch für die körpereigene Immunabwehr unserer oberen Atemwege wesentlich. Die Schleimhaut der Atemwege ist eine der wirksamsten Abwehrbarrieren gegen Viren. Die Austrocknung der Nasen- und Bronchialschleimhaut führt zu einer verminderten Selbstreinigung der Atemwege. Das Austrocknen des Schleimbelages, der die Atemwege bedeckt, führt zur Blockierung des Abtransportes von gefilterten Viren und verhindert deren Aushusten und Verschlucken. Eingeatmete Viren verbleiben dadurch in den Atemwegen und begünstigen eine Infektion. Bei einer relativen Luftfeuchte von unter 20 % kommt der Selbstreinigungsprozess der Schleimhäute komplett zum Erliegen.
Geschwächte zelluläre Abwehr durch Kälte
Eine, 2022 im „The Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlichte Studie zeigt, dass Kälte einen spezifischen, zellulären Abwehrmechanismus in der Nase beeinträchtigt. Die Nasenschleimhaut stößt schwarmartig winzige, mit antiviralen Substanzen gefüllte Bläschen, sogenannte extrazelluläre Vesikel aus, um eindringende Krankheitserreger abzuwehren. Im Rahmen der Studie wurde nachgewiesen, dass eine Temperaturreduzierung von 5 Grad Celsius in der Nasenhöhle die Sekretion von EVs bereits um 42% senkt. Auch die antiviralen Proteine in den Bläschen wurden durch den Temperaturabfall gehemmt. Kälte per se verursacht demnach zwar keine Infekte, kann unser Abwehrsystem an vorderster Front aber auch hier zusätzlich schwächen.
Weniger Sonne, weniger Vitamin D
Ein weiterer physiologischer Faktor: durch das reduzierte Sonnenlicht im Winter sinkt die körpereigene Vitamin-D-Produktion. Unser Bedarf an Vitamin D wird zu 80-90 % durch die Eigensynthese des Körpers mit Aufnahme von UVB Strahlen in der Haut gebildet. Lediglich 10-20 % stammen aus der Ernährung. Zwar können wir unseren Organismus mit bewussten Aufenthalten im Freien gut unterstützen, das Sonnenlicht reicht in den Monaten von Oktober – März jedoch nicht aus und auch eine großflächige Aufnahme über die Haut ist eingeschränkt. Unser Körper ist gezwungen auf seine Speicher zurückgreifen und eine Supplementierung kann notwendig werden. Da Vitamin D eine zentrale Rolle bei der Immunregulation spielt, kann ein Mangel die Anfälligkeit für Infekte erhöhen. Auch wenn häufig argumentiert wird, dass wir in unseren Breiten von einer saisonalen Unterversorgung ausgehen können, kann eine Bestimmung des Vitamin D Spiegels für eine gezielte Supplementierung zweckmäßig sein und ermöglicht auch eine Verlaufskontrolle bzw. Überwachung ihrer Wirksamkeit.

Winterblues
Ein Stimmungstief im Winter hat in der Fachsprache einen Namen: Seasonal Affective Disorder (SAD) oder saisonal abhängige depressive Verstimmung. Als Hauptursache wird auch hier der Tageslichtmangel in der kalten Jahreszeit vermutet – die kurzen Tage signalisieren dem Körper einen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus, was zu einem Ungleichgewicht der Hormone und Botenstoffe im Gehirn führen kann. Tageslicht fördert die Produktion des „Glückshormons“ Serotonin und hemmt parallel die Bildung des Schlafhormons Melatonin.
Was kann ich im Alltag für ein gesundes Immunsystem beitragen?
Den Körper aktiv halten: jede Bewegung ist besser, als keine Bewegung. Hier gilt auch zu verstehen, dass unsere Immunzellen über das Blut und das Lymphsystem transportiert werden. Der Transport wird durch äußeren Druck erzeugt, vor allem durch die rhythmische Kontraktion der umgebenden Muskeln. Schon kleine regelmäßige Spaziergänge an der frischen Luft kurbeln den Blut- und Lymphkreislauf an.
Natürliche Tageslicht- und Sonnenexposition: Essentiell zur Unterstützung unserer körpereigenen Vitamin D-Synthese. Angemerkt, UVB-Strahlen dringen nicht durch Fensterglas, daher hilft nur direkte Sonne im Freien.
Stress reduzieren: Dieser führt zur Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die den Körper in eine „Notsituation“ versetzen und dadurch auch das Immunsystem schwächen. Auch hier kann Bewegung eine ausgleichende Wirkung haben.
Ausgewogene Ernährung: Die Wahl unserer Nahrungsmittel hat einen wesentlichen Einfluss auf ein gut funktionierendes Immunsystem. Zum Beispiel nach den zehn Ernährungsregeln der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (https://www.oege.at/wissenschaft/10-ernaehrungsregeln-der-oege/).
Ausreichend trinken: Durst ist bereits ein Warnsignal. Mindestens 1,5 bis 3 Liter Wasser oder ungesüßte Tees halten auch das Immunsystem in Fluss.
Auf Hygiene achten: Das richtige Niesen und Husten (in die Ellenbeuge) und regelmäßiges Händewaschen senken das eigene Risiko einer Infektion bzw. die Wahrscheinlichkeit andere anzustecken.
Raumklima optimieren: Regelmäßiges und effektives Lüften (Stoßlüften) als wichtigste und kostengünstigste Maßnahme.
Öffnen Sie die Fenster mehrmals täglich(mindestens 3-4 Mal) für 5 bis 10 Minuten. Dies sorgt für einen schnellen, vollständigen Luftaustausch – entfernt verbrauchte Luft und Aerosole, in denen sich Krankheitserreger befinden können, und ersetzt sie durch frische, sauerstoffreiche Außenluft.
Dies sind nur einige förderliche Strategien, welche sich allerdings in ihrer Wirksamkeit relativiren, wenn unser Immunsystem bereits geschwächt ist und nicht (mehr) optimal arbeiten kann. Nicht jede Erkältung bedarf einer umfangreichen Blutanalyse, aber wenn Infekte gehäuft auftreten oder das allgemeine Wohlbefinden auffällig beeinträchtigt ist, kann eine laborchemische Analyse wertvolle Hinweise auf mögliche Ursachen liefern.
Wann ist ein Laborcheck sinnvoll?
- Sie häufiger als drei- bis viermal pro Winter Infekte bekommen
- Infekte ungewöhnlich schwer oder langwierig verlaufen
- Sie sich dauerhaft müde, erschöpft oder kraftlos fühlen
- Sie unter chronischen Erkrankungen leiden
Relevante Laborwerte zur Beurteilung der Immunlage
Bestimmte Blutwerte liefern wertvolle Hinweise darauf, wie gut das Immunsystem aktuell arbeitet und ob eventuelle Defizite bestehen:
Das Blutbild, insbesondere das Differenzialblutbild, umfasst die Analyse von weißen Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle in der Immunabwehr spielen. Abweichungen in der Leukozytenanzahl können auf Infektionen oder andere immunologische Störungen hinweisen.
Vitamin D spielt eine wesentliche Rolle bei der Regulierung der Immunantwort. Es unterstützt die Aktivität von T-Zellen und B-Zellen, die für die Abwehr von Infektionen unerlässlich sind. Vitamin D fördert auch die Produktion antimikrobieller Peptide, die direkt gegen Krankheitserreger wirken. Langfristige Mängel an Vitamin D können zudem mit einer erhöhten Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht werden.
Vitamin C wirkt als starkes Antioxidans und unterstützt die Funktion von Immunzellen. Es fördert die Bildung von Antikörpern, die für die Bekämpfung von Infektionen notwendig sind. Ein Mangel an Vitamin C kann die Anfälligkeit für virale und bakterielle Infektionen steigern und die Heilungsprozesse verzögern.
Zink ist ein essentielles Spurenelement, das für die Proliferation und Aktivierung von T-Lymphozyten notwendig ist. Es ist entscheidend für die Entwicklung von B-Zellen und die Synthese von Immunglobulinen, die für die Immunantwort wichtig sind. Ein Zinkmangel kann die Immunfunktion erheblich beeinträchtigen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen.
Selen hat antioxidative Eigenschaften und unterstützt die Funktion von Immunzellen, insbesondere der T-Zellen. Ein Mangel an Selen kann die Immunantwort beeinträchtigen und das Risiko für Infektionen erhöhen.
Vitamin B12 ist entscheidend für die Bildung von roten Blutkörperchen und die Aufrechterhaltung der neurologischen Funktion. Ein Mangel an Vitamin B12 kann zu Anämie führen und die Immunantwort beeinträchtigen.
Folsäure ist ein essentielles B-Vitamin, das für die Zellteilung und die Bildung von DNA notwendig ist. Ein Mangel an Folsäure kann ebenfalls zu Anämie führen und die Immunfunktion schwächen.
Ein weiterer wichtiger Laborwert ist Ubichinon Q10, auch bekannt als Coenzym Q10. Es ist an der Energieproduktion in den Mitochondrien beteiligt und wirkt als Antioxidans, das die Zellen vor oxidativem Stress schützt. Ubichinon Q10 ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der Zellenergie und kann die Immunfunktion unterstützen. Ein Mangel an Ubichinon Q10 kann die Immunantwort beeinträchtigen und zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen führen.
Eisen ist für die Bildung von Hämoglobin und die Funktion von Immunzellen unerlässlich. Ein Eisenmangel kann zu einer reduzierten Immunantwort führen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen.
C-reaktives Protein ist ein wichtiger Biomarker für systemische Entzündungen. Ein erhöhter CRP-Spiegel deutet auf aktive Entzündungsprozesse oder Infektionen hin und kann dabei helfen, die Schwere der Erkrankung zu beurteilen.
Procalcitonin ist ein Marker, der insbesondere bei bakteriellen Infektionen von Bedeutung ist. Hohe Procalcitonin-Werte können auf eine bakterielle Infektion hindeuten und zur Einschätzung der Krankheitslast beitragen.
Immunglobuline (IgA, IgG, IgM) sind Antikörper, die eine zentrale Rolle in der humoralen Immunität spielen. Abweichungen in den Immunglobulinspiegeln können auf immunologische Erkrankungen oder eine beeinträchtigte Immunantwort hindeuten.
Fazit
In der kalten Jahreszeit ist es besonders wichtig, unser Immunsystem gezielt zu unterstützen und zu stärken. Durch das Verständnis für physiologische Faktoren, die unsere Immunabwehr in dieser Zeit zusätzlich herausfordern, und deren präventive Maßnahmen können wir aktiv dazu beitragen. Ein gesunder Lebensstil, der eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und eine achtsame Stressbewältigung umfasst, ist ebenfalls entscheidend für die Stärkung unserer Immunabwehr.
Zusätzlich bieten Blutuntersuchungen wertvolle Einblicke, um frühzeitig mögliche Mängel oder eine mögliche Überdosierung bei Substitution mit Vitaminpräparaten zu erkennen. Durch die Kombination dieser verschiedenen Ansätze und Strategien können wir das Immunsystem effektiv unterstützen und unsere allgemeine Gesundheit während der kalten Monate stabilisieren, sodass wir die schönen Seiten des Winters auch in vollen Zügen genießen können!
Quellen:
[1] Jones ER, Cedeño Laurent JG, Young AS et al. : INDOOR HUMIDITY LEVELS AND ASSOCIATIONS WITH REPORTED SYMPTOMS IN OFFICE BUILDINGS. In: Online: 01.01.2022, Internet: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/ina.12961 (Zugriff: 04.12.2025)
[2] Department of Immunobiology, Yale University School of Medicine, New Haven, Connecticut 06520, USA
Originaltitel: Seasonality of Respiratory Viral Infections
Autoren: Miyu Moriyama, Walter J. Hugentobler, Akiko Iwasaki
Internet: https://www.annualreviews.org/doi/10.1146/annurev-virology-012420-022445 Veröffentlicht: 2020 (Zugriff 07.12.2025)
[3] ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG (ÖGE). 10 Ernährungsregeln der ÖGE, so einfach gelingt eine bessere Ernährung Internet: https://www.oege.at/wissenschaft/10-ernaehrungsregeln-der-oege/ (Zugriff: 07.12.2025)


